Hungerstreik - Presse


15.08.2008 - Neues Deutschland

Vogelfrei hinter Gittern - Ein Hungerstreik von Gefangenen in der letzten Woche interessierte kaum einen jenseits der Mauern

Von Carsten Becker

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Nach diesem Motto verfährt die Gesellschaft in besonderem Maße mit Menschen, die straffällig geworden sind. Gegen Schikanen sind sie deshalb oft wehrlos.

Nur selten gelingt es Häftlingen, mit ihren Anliegen nach draußen zu dringen. Auch ein Hungerstreik von mehr als 500 Gefangenen schaffte es in der letzten Woche kaum, außerhalb der Gefängnismauern beachtet zu werden. Mit ihrer einwöchigen Aktion protestierten die Gefangenen gegen ihre Haftbedingungen. Zentrale Forderungen waren die Abschaffung der Haftkosten, der Isolationshaft, der »Sicherungsverwahrung« und der Überbelegung der Zellen. Damit thematisierten zum ersten Mal seit vielen Jahren auch Häftlinge, die nicht wegen politisch motivierter Taten verurteilt wurden, ihre oftmals katastrophalen Lebensumstände. Nach Informationen der Interessenvertretung Inhaftierter (IvI), die den Hungerstreik organisierte, war die Unterstützung des Streiks in den Gefängnissen groß. Die Aktion sei dort über mehrere Monate vorbereitet worden, sagte Michael Deutschewitz gegenüber ND. Er gibt die Gefängniszeitung »Mauerfall« heraus, in der Häftlinge selbst zu Wort kommen. Der Hungerstreik sei für die Häftlinge ein letztes Mittel gewesen, um Öffentlichkeit für ihre Situation herzustellen, betont Deutschewitz.

 

Vor 16 Monaten war eine von zahlreichen Gefangenen unterzeichnete Petition zur Verbesserung ihres Knastalltags in der Öffentlichkeit auf keinerlei Resonanz gestoßen. Dass es dem Hungerstreik ähnlich ging, dafür sieht Michael Csaszkóczy vom Bundesvorstand der Gefangenenhilfsorganisation Rote Hilfe mehrere Gründe. Die Hürden, sich mit der täglich erfahrenen Erniedrigung und der Verletzung von Grundrechten in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, seien sehr hoch. Hinzu komme die soziale Ächtung: »Gefangene werden in Teilen der Bevölkerung oft immer noch als Menschen wahrgenommen, die es schon irgendwie verdient haben, dass ihnen grundlegende bürgerliche Rechte verweigert werden. Der Mensch im Knast, das ist der ganz andere, mit dem man nichts zu schaffen hat«, so Csaszkóczy. Widerstand gegen schlechte Haftbedingungen wird oft als Querulantentum denunziert, meint auch Deutschewitz. Dazu trügen Medien bei, die die Anliegen der Häftlinge ignorieren, aber die Stellungnahmen der Gefängnisleitung ausführlich zitieren.

Die Kommunikationsmöglichkeiten der Häftlinge sind extrem beschränkt. Die Post von exponierten Gefangenen wird besonders stark kontrolliert, wie Wolfgang Lettow, Mitarbeiter des »Gefangeneninfos«, weiß. So sind zwei Briefe von Nadine T., die sie vor Beginn des Hungerstreiks geschrieben hatte, nie bei ihm angekommen.

Die in Bielefeld-Brackwede inhaftierte Frau ist in der Interessenvertretung der Häftlinge aktiv. Nach Angaben der Roten Hilfe ist sie besonderen Schikanen durch das Gefängnispersonal ausgesetzt, nachdem sie gegen einen Vollzugsbeamten wegen sexueller Übergriffe ausgesagt hatte. Am 16. September soll Nadine T. sich erneut vor Gericht verantworten. Sie wird beschuldigt, im gefängniseigenen Laden zehn Briefmarken geklaut zu haben. Sie bestreitet die Vorwürfe. Eine Zellenrazzia verlief ergebnislos. Eine erneute Verurteilung könnte ihre Haft unabsehbar verlängern. Zahlreiche Unterstützer wollen deshalb den Prozess vor dem Bielefelder Amtsgericht beobachten.

Deutschewitz sieht darin einen kleinen Erfolg der Proteste. »Ohne den Hungerstreik wäre das Interesse wesentlich kleiner gewesen«, meint er. 


08.08.2008 - Taz Nord
Knastrevolte im Off
von Christian Jakob

Häftlingsorganisationen vermelden einen bundesweiten Hungerstreik von mehr als 500 Gefangenen. Die Behörden weisen dies einhellig als Falschmeldung zurück. Aus den Gefängnissen erhalten die Unterstützer keine Infos Es wäre eine enorme organisatorische Leistung: "537 Gefangene in 29 Haftanstalten der BRD treten vom 1. bis zum 8. August in einen Hungerstreik" teilten Anfang der Woche die "Interessenvertretung Inhaftierter" (IvI)- eine Art Häftlingsgewerkschaft aus Nordrhein-Westfalen -, das "Anarchist Black Cross" und verschiedene Ortsgruppen der "Roten Hilfe" mit.

Die Aktion richte sich gegen Isolationshaft, die Kontrolle privater Korrespondenz, das Instrument der Sicherheitsverwahrung und Zwangsarbeit im Knast. Unter den bestreikten Anstalten sollten auch die norddeutschen Gefängnisse Hamburg, Bremen, Oldenburg, Vechta, Sehnde in Niedersachsen und Neumünster in Schleswig-Holstein sein. Um die Inhaftierten zu unterstützen gab es in dieser Woche Solidaritätskundgebungen in vier deutschen Städten - darunter auch in Hamburg. Am Dienstagnachmittag versammelten sich etwa 80 Menschen vor dem U-Haft-Gebäude am Holstenglacis und hängten Anti-Knast-Transparente an den Gefängniszaun. Redner verlasen eine Erklärung der "Interessenvertretung Inhaftierter" in der "Schikane, Rechtsbeugung und Psychoterror in deutschen Haftanstalten" kritisiert wurde.

Eine konzentrierte Knastrevolte derartigen Ausmaßes wäre die größte Aktion dieser Art in der Bundesrepublik. Doch ob die Mobilisierung durch Rundbriefe der IvI tatsächlich so erfolgreich war, ist offen. Die Justizbehörden in Hamburg und Bremen sowie das Justizministerium in Hannover zumindest winken ab: Es seien "keinerlei Streikaktionen bekannt" heißt es unisono, und diese wären - im Gegensatz zu Berlin - definitiv unmittelbar meldepflichtig. Im Bremer Justizressort weiß man immerhin, dass der Streikaufruf der IvI im dortigen Gefängnis aufgetaucht sei - ohne dass ihm jemand Folge geleistet hätte. Lediglich das bayrische Justizministerium bestätigt einen Hungerstreik in einem Abschiebeknast - der allerdings nicht mit den IvI-Protesten in Verbindung stehe. Die Unterstützerszene wundert dies nicht: "Es ist klar, dass die das nicht zugeben", sagt eine Aktivistin aus Hamburg, die seit Jahren einen politischen Gefangenen in Niedersachsen betreut. "Eine solche Aktion setzt die Behörden natürlich unter Druck. Schließlich müssen die dann erklären, warum überhaupt protestiert wird", meint auch ein Redakteur der Häftlingszeitung Mauerfall.

Doch auch die Dresdner Ortsgruppe der Solidaritätsorganisation "Rote Hilfe", die die Infos über den Streik bundesweit koordiniert, kann die IvI-Angaben derzeit nicht substantiieren. "Wir haben seitdem der Streik begonnen hat, noch keine Nachrichten aus den Knästen gekriegt", sagt eine Sprecherin. Der Bielefelder Anwalt Jens Lohrengel, der eine in Bielefeld inhaftierte IvI-Aktivistin vertritt, hat von der Aktion gehört, kann aber nicht bestätigen, ob seine Mandantin daran teilnimmt. Wolfgang Lettow vom "Gefangeneninfo" erklärt dies mit der in den Anstalten üblichen Zensur: "Die Kommunikation läuft natürlich immer unter den Augen und unter der Fuchtel der JVAs. Das macht alles ziemlich schwierig."


06.08.2008 - Telepolis

Hungerstreik in deutschen Gefängnissen
von Peter Nowak

Schikanen gegen eine Gefängnisinsassin lösen einwöchigen Hungerstreik in 39 Gefängnissen aus und weisen auf ein in der Öffentlichkeit weitgehend verdrängtes Problem hin

Seit dem 4. August befinden sich 537 Häftlinge aus insgesamt 39
bundesdeutschen Gefängnissen in einem einwöchigen Hungerstreik. Aus Solidarität mit ihnen verweigern auch einige wenige Gefängnisinsassen aus Belgien, der Schweiz und Belgien für eine Woche die Nahrung.

Es ist die größte Aktion von Gefangenen seit langem. In der
Vergangenheit waren Hungerstreiks in Haftanstalten immer eng mit
Häftlingen verbunden, die politische Motive hatten. So gab es in den
70er und 80er Jahre mehrere Hungerstreiks von Mitgliedern der Rote
Armee Fraktion, die vor allem die Zusammenlegung in größeren Gruppen und die Freilassung von kranken Gefangenen forderten. Ihnen hatten sich auch Haftinsassen angeschlossen, die nicht wegen politischer Delikte verurteilt worden waren. Damals kam die immer umstrittene Unterscheidung in politische und soziale Gefangene auf.

Der letzte Hungerstreik von RAF-Gefangenen fand 1989 statt und hatte eine breitere gesellschaftliche Resonanz erzielt. Damals wurde das Gefangeneninfo gegründet, das bis heute monatlich über Knast und Repression berichtet. Auch dort wird die Unterscheidung in politische und soziale Gefangenen heute nicht mehr für sinnvoll gehalten. Es komme eher darauf an, wie man sich unter Knastbedingungen verhält. "So gibt es den Gefangenentypus, der gegenüber der Gefängnishierarchie sehr unterwürfig ist, aber bei vielen Gefangenen schon deshalb nicht unbedingt beliebt ist und sogar als Denunziant verdächtigt wird. Dann gibt es die Aufmüpfigen, die auch im Gefängnis kein Blatt vor dem Mund nehmen und immer wieder mit Bestrafungen der verschiedenen Art zu rechnen haben", skizziert ein langjähriger Gefängnisinsasse die aktuelle Situation in den Haftanstalten.

Nadine Tribian gehört zu den Insassen, die kein Blatt vor dem Mund
nehmen. Die Frau ist im Gefängnis Bielefeld-Brackwedel inhaftiert
und klagt schon lange und immer wieder über besondere Schikanen wie verstärkter Isolation und Postzensur. "Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich leider sagen muss, dass ich definitiv nicht mehr kann", heißt es in einem ihrer letzten Briefe.

Die Situation von Nadine Tribian ist der Anlass und Ausgangspunkt des aktuellen einwöchigen Hungerstreiks. Dass sich an ihrem Fall eine solch breite Initiative entwickelte erklärt Peter Scherzl, der in der JVA Rheinbach in NRW inhaftiert ist und an der Koordinierung der
Proteste beteiligt ist, mit dem zunehmenden Druck im Gefängnisalltag. Tägliche Demütigungen, Zensur kritischer Zeitungen und Briefe, Kontaktsperren, Isolationshaft seien mittlerweile ein alltägliches Instrumentarium in vielen Haftanstalten. Daher war der Fall von Nadine Tribian nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Häftlingsinsassen brauchten keine längeren Erklärungen, sondern konnten die Situation der Frau sofort gut nachvollziehen.

Warnungen gab es schon länger

Für die wenigen Menschen, die sich intensiver mit den Zuständen in den Gefängnissen befassen, kommt die Aktion ebenfalls nicht überraschend. Sowohl Gefängnisgeistliche als auch Mitglieder von
Gefangenenhilfsorganisationen warnen schon länger davor, finden aber nur selten Gehör. So sorgte vor über einem Jahr die tödliche
Misshandlung eines Häftlings in der JVA Siegburg im Herbst 2007
kurzzeitig für Empörung. Dabei wurde allerdings deutlich, dass es sich
hier um keinen Einzelfall handelt. Damals wurde auch auf die
Überbelegung und die oft im wahrsten Sinne tödliche Langeweile des
Gefängnisalltags hingewiesen. Nach einer kurzzeitigen Empörung war das Thema wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden.

In den letzten Monaten alarmierten mehrere Selbstmorde in hessischen Gefängnissen, darunter mehrere Jugendliche, zumindest
Gefängnisgeistliche. Doch schnell werden solche warnende Stimmen von populistischen Diskursen über die angeblich zu liberalen Gefängnisse an den Rand gedrängt. Deshalb ist es auch jetzt nur eine kleine Zahl von Einzelpersonen und linken Organisationen, die den Hungerstreik der Häftlinge außerhalb der Gefängnismauern unterstützt.

Wolfgang Lettow, Redakteur bei dem schon erwähnten Gefangeneninfo, gehört dazu. Er sieht in den Verschärfungen im Gefängnisalltag ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Zustände. Das neoliberale Dogma greife auch in den Gefängnissen und die Insassen seien dem Druck direkt ausgeliefert. "Die Gefangenen machen mit dem Hungerstreik deutlich, dass sie diesen Objektstatus ablehnen", betont Lettow. Häftlingsaktivist Peter Scherzl sieht in dem Hungerstreik den Auftakt für eine längerfristige Kampagne zur Veränderung der Gefängnissituation. Das Vorhaben wird sich wohl nur umsetzen lassen, wenn es gelingt, außerhalb der Knastmauern mehr Aufmerksamkeit zu erringen.

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28468/1.html


05.08.2008 - Neues Deutschland

Demo von Knast zu Knast - Soligruppe fordert Freilassung von Antifa und protestiert gegen Missstände in Gefängnissen

Von Jörg Meyer

Bald könnte er wieder frei sein. Doch der Termin zur Überprüfung, ob der Berliner Antifaschist Christian S. – wie gesetzlich möglich – nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haftstrafe freikommt, lässt auf sich warten. Anfang Juni habe sie die Prüfung bei der Strafvollzugskammer beantragt, sagte S. Anwältin Maren Burkhardt gegenüber ND. Bislang sei aber noch nichts passiert. Christian S. verbüßte seit Juni 2007 erst in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel und derzeit in der JVA Plötzensee eine dreieinhalbjährige Haftstrafe. Am 1. Mai 2004 hatte er beim Protest gegen einen Naziaufmarsch in Friedrichshain ein Auto als Barrikade angezündet. Dazu kommt ein Bewährungswiderruf aus einem älteren Verfahren.

Nach Paragraf 57 Strafgesetzbuch kann der Rest einer Haftstrafe nach zwei Dritteln der Verbüßung zur Bewährung ausgesetzt werden – der Verurteilte also auf freien Fuß kommen. Bei Christian S. könnte das der Fall sein, weil ihm nach einem Freispruch in einem anderen Verfahren elf Monate Untersuchungshaft auf die Gesamtstrafe angerechnet wurden. »Der Termin für die Zweidrittel-Prüfung wäre am dritten August gewesen«, sagt Anwältin Burkhardt. Normalerweise gebe es eine Stellungnahme zum Gefangenen jeweils von der Haftanstalt, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung, und danach entscheide das Landgericht über die Aussetzung der Haft. Warum bislang nichts passiert ist, wisse sie nicht. Weder sei ein Termin angesetzt, noch lägen ihr die Stellungnahmen der anderen Stellen vor.

»Die Aussetzung der Reststrafe zum Zweidrittel-Termin ist in Berlin sehr selten«, sagte Rechtsanwalt Sönke Hilbrans. Das läge zum einen an einer restriktiven Rechtsprechung und zum anderen daran, dass in den JVA häufig mehr Verwahrung als Erziehung oder Behandlung stattfinde. In anderen Bundesländern sei das anders. »Wenn ein Berliner beispielsweise in Nordrhein-Westfalen ins Gefängnis muss, würde ich ihm raten, dort zu bleiben und nicht nach Berlin zu wechseln.« Anders als in anderen Bundesländern gebe es in Berlin häufig keine Orientierung auf eine frühe Entlassung, kritisierte der Anwalt.

In einer Mitteilung der Soligruppe für Christian S., die den Antifa seit langem unterstützt, war für gestern Abend eine Kundgebung angekündigt. Um 18 Uhr trafen sich rund 60 Menschen vor der JVA Plötzensee und forderten in Redebeiträgen und Sprechchören die Freilassung von Christian S. Anschließend zogen sie mit einer Demonstration weiter zur JVA Moabit.

Dort beteiligen sich mehrere Gefangene an einem einwöchigen bundesweiten Hungerstreik für bessere Haftbedingungen, gegen Schikane und Willkür im Gefängnisalltag und gegen Post- und Pressezensur. Eine zentrale Forderung ist die Einhaltung der Vollzugsregeln. Der Sprecher der Senatsverwaltung für Justiz, Daniel Abbou, sagte, ihm sei nichts davon bekannt, dass sich in Berlin Gefangene an dem Streik beteiligten. Überdies seien Hungerstreiks erst bei einer Dauer von mehr als sieben Tagen berichtspflichtig.

Das anarchist black cross (abc) – ein Pendant zur Roten Hilfe – widersprach dem. Mehrere Gefangene in der JVA Moabit verweigerten seit dem 1. August die Nahrungsaufnahme. Der Hungerstreik soll noch bis zum 7. August andauern.


05.08.2008 - Neues Deutschland
Stimmen aus dem Knast
Von Jörg Meyer

Es gibt Missstände in deutschen Gefängnissen. Sei es die Überbelegung vielerorts, die medizinische Versorgung, auf die Gefangene lange warten müssen, oder die Schikane, die mancher Schließer im alltäglichen Kontakt ausübt. Suizide in den Knästen sind nur ein Ergebnis davon – wenngleich das schlimmste. Aber gerade in einer Justizvollzugsanstalt, in die man wegen gravierender Regelverletzungen kommt, müssen die Regeln eingehalten werden – auch und gerade von den Gerichten, den Justizbeamten und den Anstaltsleitungen. Schließlich geht es seit langem beim Strafvollzug nicht mehr nur um Abschreckung. Es geht auch um Straftataufarbeitung, Erziehung oder therapeutische Behandlung.

Dass nun über 500 Gefangene in Gefängnissen in Deutschland in den Hungerstreik getreten sind, ist eine Konsequenz der Nichteinhaltung der Vollzugsregeln. Dieses Mittel des Protests ist das einzige Mittel, das die Gefangenen haben, um öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu bekommen.

Knäste sind ein Teil der Gesellschaft, auch wenn wir sie oft nicht sehen, nicht sehen wollen oder gar denken, »die sitzen da schon zu Recht, und ein Knast ist kein Luxushotel«. Die Menschen, die hinter den Mauern sitzen, sind unsichtbar. Über ihre Situation ist selten etwas zu hören, es sei denn, es gibt wieder einen großen Skandal oder einen Suizid. Auch sie sind ein Teil dieser Gesellschaft und in erster Linie: Menschen. Wenn sie – wie jetzt mit dem Hungerstreik – ihre Stimmen erheben, sollten wir sie hören. Seien es nun Schwarzfahrer, Schuldner oder Mörder. Strafgefangene haben Rechte, und die müssen eingehalten werden.


04.08.2008 - Junge Welt

Hungerstreik gegen staatliche Willkür - Über 500 Gefangene in BRD-Haftanstalten verweigern derzeit die Nahrungsaufnahme

Von Markus Bernhardt

Anläßlich eines Hungerstreiks von über 500 Inhaftierten in bundesdeutschen Haftanstalten und einigen ausländischen Gefängnissen rufen linke Gruppen wie die Rote Hilfe und Anarchist Black Cross zu Solidaritätsaktionen in verschiedenen Städten auf.

In Berlin wollen die Repres­sionsgegner am heutigen Montag (18 Uhr) eine Kundgebung vor der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Plötzensee durchführen, um sich für die Freilassung des dort inhaftierten Antifaschisten Christian S. stark zu machen. Im Anschluß daran ist eine Demonstration zur JVA im Berliner Bezirk Moabit geplant, um sich mit den dort Hungerstreikenden zu solidarisieren.

Angaben der Berliner Ortsgruppe von Anarchist Black Cross zufolge verweigern derzeit insgesamt 537 Gefangene in 49 Orten der Bundesrepublik die Nahrungsaufnahme. Auch in zehn europäischen Gefängnissen – unter anderem in Spanien, Belgien und der Schweiz – sollen sich Inhaftierte am Protest beteiligen

Noch bis zum 7. August wollen die Gefangenen die Nahrungsaufnahme verweigern, dann sollen weitere Aktionen folgen. Sinn und Zweck des Hungerstreikes sei, »den durch Willkür- und Schikaneakte, durch vorsätzliche Rechtsbeugung, unterlassene Hilfeleistung, durch Psychoterror und Folter geprägten Alltag in deutschen Haftanstalten anzuprangern und Veränderung zu schaffen«, heißt es in einer Erklärung. Die Inhaftierten kritisierten zudem, daß das Strafvollzugsgesetz oftmals »nachweislich ignoriert« werde, und werfen den Vollzugsbehörden vor, in den Gefängnissen vorhandene Mißstände »durch pauschales Bestreiten und Nichtverfolgung« zu verschleiern.

Explizit verweisen die Organisationen auf die JVA Bielefeld-Brackwedel, in der Inhaftierte, die sich gegen vorhandene Mißstände zur Wehr setzen, gemaßregelt würden. Bereits im September 2007 hatten insgesamt 330 der dort Inhaftierten eine Beschwerdepetition unterzeichnet, welche jedoch ohne offizielle Untersuchung vom nordrhein-westfälischen Justizministerium als unbegründet verworfen wurde. Die Hungerstreikenden fordern alle Gefangenen auf, ihr Beschwerde- und Klagerecht – trotz drohender Schikanen – in Anspruch zu nehmen und rechtswidrige Haftbedingungen anzuprangern.

abc-berlin.net/hungerstreik und rote-hilfe.de


01.08.2008 - Neues Deutschland

Keine Objekte mehr sein - 500 Gefangene wollen in Hungerstreik treten
Von Peter Nowak

Hunderte Gefangene wollen mit einem einwöchigen Hungerstreik gegen Missstände im Gefängnis protestieren. Sie fordern die Abschaffung von Isolationshaft, Sicherungsverwahrung und Zensur. »Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich leider sagen muss, dass ich definitiv nicht mehr kann.« Diese Zeilen finden sich in einem Brief von Nadine Tribian. Die Frau ist im Gefängnis Bielefeld-Brackwedel inhaftiert und wehrt sich seit Langem gegen ihre Haftbedingungen. Weil sie kein Blatt vor den Mund nehme und immer wieder ihre Situation anprangere, sei sie besonderen Schikanen ausgeliefert, heißt es in der holländischen Gefängniszeitung »Uitbraak« über die Frau, die zum Ausgangspunkt des bundesweiten Hungerstreiks wurde. Er soll von heute an bis zum 7. August dauern.

Mittlerweile haben über 500 Gefangene aus 29 Haftanstalten ihre Beteiligung angekündigt, darunter auch Gefängnisinsassen aus der Schweiz, Holland und Belgien. Die weite Verbreitung der Initiative erklärt Peter Scherzl, der in der JVA Rheinbach in Nordrhein-Westfalen (NRW) inhaftiert ist, mit dem zunehmenden Druck im Gefängnisalltag. Ständige Demütigungen, Zensur kritischer Zeitungen und Briefe, Kontaktsperren und Isolationshaft seien alltägliche Instrumente in vielen Haftanstalten. Wer sich wehrt, habe mit Repressalien, Kriminalisierung und Psychiatrisierung zu rechnen. Sie würden als »renitent«, »notorisch-querulant«, »psychisch gestört« oder als »Lügner« diffamiert. Der Hungerprotest solle neben der Unterstützung für Nadine Tribian auch diese Zustände einer größeren Öffentlichkeit bekannt machen, betont Scherzl in einem Brief zur Aktion.

Schon in den letzten Monaten haben spektakuläre Fälle von Misshandlungen durch Mithäftlinge in NRW sowie mehrere Selbstmorde von jugendlichen Häftlingen in Hessen wenigstens kurzzeitig für Aufmerksamkeit gesorgt. Der Hungerstreik soll der Auftakt für eine längerfristige Kampagne zur Veränderung der Knäste sein.

Wolfgang Lettow ist Mitarbeiter des »Gefangeneninfos«, das 1989 während des letzten großen Hungerstreiks der Gefangenen aus der RAF entstanden ist und seitdem monatlich über Knast und Repression berichtet. Er sieht in den Verschärfungen im Gefängnisalltag ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Zustände. Das neoliberale Dogma greife auch in den Gefängnissen und die Insassen seien dem Druck direkt ausgeliefert. »Die Gefangenen machen mit dem Hungerstreik deutlich, dass sie diesen Objektstatus ablehnen«, betont Lettow gegenüber ND. Er gehört zu den Unterstützern der Aktion außerhalb der Gefängnismauern.

Gefangenenhilfsorganisationen wie die Rote Hilfe, Anarchist Black Cross und das Netzwerk für die Freiheit aller politischen Gefangenen planen in verschiedenen Städten Kundgebungen vor Gefängnissen, in denen Hungerstreiks durchgeführt werden. Das soll auch zum Schutz der Streikenden beitragen. Schon im Vorfeld habe es auf einige der beteiligten Gefangenen Druck gegeben, berichtet Lettow. So sei bei Nadine Tribian die Postkontrolle verschärft worden: Briefe, in denen der Hungerstreik erwähnt war, hätten sie nicht erreicht.